Befreit Leben - von Edward T. Welch

Freitag, den 03. April 2009 um 00:24 Uhr
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Menschenfurcht in der Angst vor Ablehnung

Wie oft kommt es vor, dass wir etwas tun, was wir eigentlich nicht tun sollten, vielleicht sogar nicht tun wollten, es aber dennoch getan haben, weil andere es so von uns wollten. Oder wie oft haben wir etwas nicht getan, obwohl wir es hätten tun sollen und es vielleicht auch tun wollten, es aber nicht taten, weil wir Angst davor hatten wie andere darauf reagieren oder über uns denken würden. Dieses Phänomen nennt sich Menschenfurcht und bestimmt sehr oft unser Denken und Handeln.

Ich möchte euch gerne ein Buch vorstellen, welches 2003 im 3L Verlag erschienen ist. Es heißt »Befreit leben – Von Menschenfurcht zu Gottesfurcht« und wurde von Edward T. Welch verfasst. Es ist ein sehr wertvolles Buch und ich möchte es wirklich jedem ans Herz legen, es einmal zu lesen.

Eine Rezension dieses Buches findet sich auf Englisch hier. Mit der freundlichen Erlaubnis des Verlages, darf hier schon mal Kapitel 3 gelesen werden: »Man wird mich ablehnen«.


Inhaltsverzeichnis des Buches

Kapitel 1: Wenn der Liebestank ein Loch hat

Teil 1: Wie und warum wir andere Menschen fürchten

Kapitel 2: Man sieht mich
Kapitel 3: Man wird mich ablehnen
Kapitel 4: Man wird mir wehtun
Kapitel 5: Die Welt will, dass ich Menschen fürchte

Teil 2: Die Menschenfurcht überwinden

Kapitel 6: Was ist die Furcht des Herrn
Kapitel 7: Wachsen in der Furcht des Herrn
Kapitel 8: Unsere Bedürfnisse im Licht der Bibel
Kapitel 9: Was wir wirklich brauchen
Kapitel 10: Freude an dem Gott, der uns füllt
Kapitel 11: Liebe deine Feinde und deinen Nächsten
Kapitel 12: Liebe deine Brüder und Schwestern
Kapitel 13: Die Hauptsumme aller Lehre: Fürchte Gott und halte seine Gebote


Man wird mich ablehnen

In engem Zusammenhang mit der Angst, vor anderen bloßgestellt zu werden (Scham), steht ein weiterer – vielleicht der am weitesten verbreitete – Grund, warum wir unser Handeln von anderen bestimmen lassen: Sie könnten uns ablehnen, sich über uns lustig machen oder uns verachten, die Angst vor Ablehnung. Sie lassen uns nicht mitmachen. Sie ignorieren uns. Sie mögen uns nicht. Sie sind unzufrieden mit uns. Sie geben uns nicht die Anerkennung, Liebe oder Bedeutung, die wir gern von ihnen hätten. Die Folge ist, dass wir uns wertlos fühlen.

Es tröstet Sie vielleicht ein wenig, zu erfahren, dass Angst vor Ablehnung, so modern sie uns scheint, im Verlauf der Geschichte auch zahlreichen berühmten Persönlichkeiten zu schaffen machte. So warnte zum Beispiel Mose die Führer und Richter Israels genau vor diesem Problem (5.Mose 1,17). Er wusste, wie leicht wir die Meinung anderer überschätzen, bestimmte Menschen bevorzugen oder höher achten als andere, oder uns davor fürchten, von denen, die wir für wichtig halten, abgelehnt zu werden. Gerade für die Richter Israels konnten solche menschlichen Regungen zum Problem werden. Wenn ein Israelit zum Beispiel über den Fall eines bekannten Handwerkers zu urteilen hatte, dann übte dieser womöglich Druck auf ihn aus, damit das Urteil nicht so hart ausfiel oder auf eine Bestrafung gänzlich verzichtet wurde. Sonst weigerte sich der Mann das nächste Mal vielleicht, den Pflug des Richters zu reparieren. Wir sehen das Problem. Der Angeklagte konnte den Richter beeinflussen, wenn er etwas anzubieten hatte, was der Richter brauchte. In einer solchen Situation konnte der Mensch groß werden und Gottes Gerechtigkeit klein.

Ich frage mich, wie viele von uns jene fürchten (achten oder verehren), die mehr Geld, mehr Macht, mehr Bildung und mehr Ausstrahlung haben als wir selbst. Als Seelsorger habe ich bei mir selbst und anderen oft beobachtet, dass wir im Umgang mit finanzstarken Ratsuchenden freundlicher und behutsamer sind, als wenn wir einen mittellosen Menschen kostenlos beraten.

König Saul ist ein typisches Beispiel für einen Menschen, der Ablehnung fürchtet. In 1. Samuel 15 erhält er den Befehl, die Amalekiter vollkommen auszulöschen. Gott schenkte dem Heer der Israeliten auch den Sieg über das Volk. »Aber Saul und das Volk verschonten Agag [den König der Amalekiter] und die besten Schafe und Rinder und das Mastvieh und die Lämmer und alles, was von Wert war« (1.Sam 15,9). Als der Prophet Samuel Saul seinen Ungehorsam vorhielt, bekannte der zwar seine Sünde, rechtfertigte sich aber mit den Worten: »Ich fürchtete das Volk und gehorchte seiner Stimme« (1.Sam 15,24).

Zwei Deutungen sind im Blick auf diese Ausrede Sauls möglich. Vielleicht fühlte er sich von seinen Generälen tatsächlich dazu genötigt, aus dem Krieg eine Beute mitzubringen. Dann gab es keine Entschuldigung, denn Gott hatte oft genug gemahnt, sich nicht vor Menschen zu fürchten. Oder er meinte, Menschenfurcht sei eine so normale und weit verbreitete Angelegenheit, dass Samuel die Entschuldigung bestimmt akzeptieren würde. Wie können wir für etwas verantwortlich gemacht werden, das Teil unseres Wesens ist? Auf alle Fälle waren die Folgen katastrophal. Weil Saul sich vor Menschen gefürchtet hatte, wurde ihm das Königtum weggenommen.

Die Pharisäer im Neuen Testament teilten die Angst von König Saul vor Ablehnung. Sie hungerten nach Lob und Anerkennung von den Menschen und fürchteten, beides könnte ihnen vorenthalten werden. Viele Pharisäer brüsteten sich damit, nicht an Jesus zu glauben, und warfen denen, die es taten, sogar vor, einer Täuschung zu erliegen (siehe zum Beispiel Joh 7,45–52). Aber es gab auch ein paar Führer, die Jesu vollmächtige Lehre und Wunder nicht ignorieren konnten und im Geheimen an ihn glaubten. Mit anderen Worten: Sie glaubten, dass Jesus von Gott gesandt worden war; dass er der Messias war, auf den sie hofften und um den sie beteten. Man sollte meinen, dass sie sich aufgrund dieser Ãœberzeugung sofort den Jüngern angeschlossen und versucht hätten, auch andere zum Glauben zu bringen. Aber nein, das geschah nicht, und ihr Glaube verkümmerte recht schnell. Warum? Sie hatten Angst, ihn zu bekennen, weil sie die Reaktionen der Menschen in der Synagoge fürchteten, »denn sie hatten lieber Ehre bei den Menschen als Ehre bei Gott« (Joh 12,42.43). Sie meinten, sie brauchten die Anerkennung der Menschen, und fürchteten ihre Ablehnung mehr als Gott.

Kommt uns das nicht zu bekannt vor? Manchmal möchten wir lieber für Jesus sterben, als für ihn zu leben. Wenn jemand die Macht hätte, uns wegen unseres Glaubens zu töten, dann würden sicher die meisten von uns bekennen: »Ja, ich glaube an Jesus Christus«, selbst wenn es den Tod bedeutete. Die Angst vor möglicher Folter würde sie vielleicht etwas zögern lassen. Trotzdem denke ich, dass sich die meisten zu Christus bekennen würden. Aber wie sieht es aus, wenn das Bekenntnis zu Jesus bedeutet, dass wir uns über Jahre hinweg unbeliebt machen, dass wir ignoriert oder kritisiert werden oder arm? Dann legen viele Christen ihren Glauben vorübergehend zu den Akten. »Wir wollen die Dinge doch nicht überstürzen!« »Später ist noch Zeit genug, um die Dinge mit Gott ins Reine zu bringen.«

Anders gesagt – umbringen darfst du mich, aber bewahre mich davor, nicht geliebt, geachtet oder anerkannt zu werden.

Klingt uns das zu hart? Dann sollten wir uns nur ein Wort vor Augen halten: Evangelisation. Ich bin überzeugt, dass viele Teenager lieber sterben würden, als sich von ihren Freunden beim Besuch der Jugendgruppe oder bei einem frommen Straßeneinsatz erwischen zu lassen. Sind nicht die Missionseinsätze am beliebtesten, die möglichst weit von der Heimat entfernt sind? Russland ist einfach. Die eigene Nachbarschaft ist eine ständige Herausforderung. Gibt es auch nur einen Menschen, der je so klar und kühn und konsequent wie Jesus das Evangelium verkündet hat? Nein, nie. Gibt es auch nur einen, der beim Evangelisieren nie der Menschenfurcht erlegen ist? Sicher nicht. Der Botschaft vom Kreuz haftet eine gewisse »Torheit« an. Die klare Verkündigung des Evangeliums lässt uns nicht besonders gut aussehen. Wir machen uns nicht beliebt damit.


»Gruppenzwang« und Gotteslob

Die dem menschlichen Herzen innewohnende Sünde (die Menschenfurcht) hat eine ungeheure Macht. Das Lob anderer – jener flüchtige Hauch, der nur einen Augenblick dauert – kann uns prächtiger erscheinen als das Lob Gottes. Jesus selbst sagte den Führern der Juden: »Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?« (Joh 5,44).

Heute wären wir etwas netter mit den Pharisäern und würden sagen, sie wollten es eben allen recht machen. Wir würden sagen, sie waren Gruppenzwängen ausgesetzt. Da wir alle hin und wieder diesen Druck spüren, haben wir für ihr Verhalten ein gewisses Verständnis. Aber das ist vielleicht sogar die schlimmste Form der Menschenfurcht. Teenager treffen aus diesem Grund ständig falsche Entscheidungen. Und auch Erwachsene blicken Es beschäftigt uns ...Rat suchend zu anderen Menschen. Wir warten darauf, dass andere anfangen, Gutes zu tun. Wir überlegen viel zu lange, was sie wohl von unserer Kleidung oder unserer Bemerkung im Hauskreis halten. Wir sehen die Möglichkeit, Zeugnis von Jesus zu geben, aber wir lassen sie verstreichen. Es beschäftigt uns viel mehr, ob wir uns lächerlich machen (Menschenfurcht), als ob unser Verhalten Sünde ist (Gottesfurcht).

Jesu Haltung stand in krassem Gegensatz zur Sorge der Pharisäer. Er bevorzugte niemanden. Stattdessen widmete er sich Männern und Frauen, Reichen und Armen aller Rassen und jeden Alters gleichermaßen. Er versuchte nicht erst mittels einer Umfrage herauszufinden, was gerade »in« war. Stattdessen verkündete er eine Wahrheit, die oftmals »out« war, aber in die Herzen drang. »Ich nehme keine Ehre von Menschen«, sagte er. Das mussten sogar seine Gegner zugeben.

Meister [, sagten sie], wir wissen, dass du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen.

Matthäus 22,16

Natürlich wollten sie ihm mit diesen Worten schmeicheln und ihn in eine Falle locken, aber ihre Bemerkung war korrekt. Dies war einer der Gründe, warum Jesus so vollmächtig lehren konnte, und es war eines der Merkmale, das sein Wirken von dem aller anderen religiösen Führer seiner Zeit unterschied.

Dasselbe galt für den Dienst des Apostels Paulus. Er rief seine Gemeinden dazu auf, ihn so nachzuahmen, wie er Christus nachahmte (1.Kor 4,16; 1.Thess 1,6). Er wollte seine geistlichen Kinder dazu ermuntern, seinem Leben und seiner Lehre zu folgen, wozu sicher auch gehörte, die Ehre Gottes zu suchen und nicht die Ehre der Menschen (1.Thess 2,4). Paulus wollte den Menschen nicht gefallen. Er wollte sie lieben, und genau deshalb passte er seine Botschaft nicht den Vorstellungen der Menschen an. Nur wer die Menschen liebt, kann sich Menschen in den Weg stellen. Nur wer sie liebt, lässt sich nicht von ihnen manipulieren. Im Brief an die Galater spricht er sogar davon, dass er nicht Gottes Diener sein könnte, wenn er immer noch versuchen würde, den Menschen zu gefallen (Gal 1,10). So ernst nahm er die Menschenfurcht.

Das ist ihm nicht einfach in den Schoß gefallen. Paulus hatte dieselben menschlichen Regungen wie wir, und er wusste darum. Deshalb bat er die Gemeinden, für ihn zu beten.

[Betet] für mich, dass mir das Wort gegeben werde, wenn ich meinen Mund auftue, freimütig das Geheimnis des Evangeliums zu verkündigen ... dass ich mit Freimut davon rede, wie ich es muss.

Epheser 6,19.20


Petrus und die Menschenfurcht

Nun zu einem weitaus traurigeren Beispiel für die Furcht vor anderen Menschen.

Petrus ist bekannt für sein ungestümes Wesen. Von allen Jüngern scheint er der mutigste zu sein. Darum würden wir von ihm wohl als letztem vermuten, dass er mit so etwas wie Menschenfurcht zu kämpfen hatte. Aber diese Krankheit steckt im Herzen der Tapfersten genauso wie im Herzen der Schüchternsten.

Wie konnte es kommen, dass Petrus Jesus verriet? Er hatte die Wunder gesehen. Der Heilige Geist hatte ihm offenbart, dass Jesus der Christus war. Er war der Fels. Er war bei der Verklärung dabei gewesen! Er liebte Jesus. Undenkbar, dass er sich nicht zu ihm bekannte. Aber er war auch wie wir – ein Sünder und geistlich gesehen ohne das ständige Wirken des Heiligen Geistes völlig hilflos. Auch er konnte Menschen so erhöhen, dass sie größer wirkten als Jesus selbst.

An einem kühlen Abend befand sich Petrus im Hof des hohepriesterlichen Palasts, während Jesus drinnen verhört wurde. Mit einer Gruppe von Beamten und Bediensteten stand er dicht am Feuer. »Ich weiß nicht, wovon ihr redet«, sagte er, als jemand meinte, man habe ihn mit Jesus gesehen.

Wir würden denken, der da gefragt hatte, müsste mindestens ein Zenturion, ein Pharisäer oder sonst jemand gewesen sein, der Petrus auf der Stelle hätte umbringen können, um ihn zu dieser Verleugnung zu bringen. Sein Leben muss in großer Gefahr gewesen sein. Aber nein, es war eine Magd. Keine Frau von Einfluss, sondern eine Magd. Sicher, eine Magd des Hohenpriesters, aber der war gerade damit beschäftigt, Jesus zu verhören. Für Petrus hatte er gewiss keine Zeit. Ein anderer Jünger, vermutlich Johannes, war während des Verhörs sogar im Inneren des Hauses. Wenn man tatsächlich einen der Jünger hätte aufknüpfen wollen, dann hätte man wohl eher ihn gewählt.

Es wäre schön, wenn wir annehmen könnten, Petrus sei wirklich in Lebensgefahr gewesen. Aber es wäre verkehrt. Es hatte nicht viel gebraucht, damit er Jesus verleugnete.

Er wurde ein zweites Mal gefragt, vielleicht von demselben Mädchen, und gab eine ähnliche Antwort. Nicht schüchtern, quasi nach dem Motto: »Sieh mir bitte nicht in die Augen.« Nein, sie kam rigoros und wurde durch einen Schwur bekräftigt. Dabei wusste Petrus sicherlich, was für eine ernste Sache ein Schwur ist. Er wusste, was Jesus in der Bergpredigt gesagt hatte: »Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein« (Mt 5,37). Aber die Sünde ließ die Wahrheit in diesem Moment als belanglos erscheinen. Menschenfurcht steht immer im Dreiklang mit Unglaube und Ungehorsam. Beim dritten Mal war es noch schlimmer. »Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht« (Mt 26,74). Mit anderen Worten: »Der allmächtige Gott möge mich und meine Familie verfluchen, wenn ich nicht die Wahrheit sage.« Menschenfurcht bringt einen tatsächlich heimtückisch zu Fall (Spr 29,25).

Und das Timing hätte schlimmer nicht sein können. Denn im selben Augenblick konnte Jesus ihn sehen. Wahrscheinlich, weil er gerade vom Haus des Hohenpriesters zum Hohen Rat geführt wurde. »Und der Herr wandte sich und sah Petrus an« (Lk 22,61).

Für Petrus muss das gewesen sein, als wäre er der erste Adam. Er spürte den Blick des Heiligen und konnte sich kaum nackter fühlen. Da war kein Ort, an dem er sich hätte verstecken können. Was Jesus dachte, können wir nur vermuten.

Wir wissen jedoch, dass er Petrus seine Vergebung schenkte, als er den Jüngern erschien. »Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus« (Mk 16,7), befahl der Engel nach der Auferstehung. Und dann, vielleicht an einem anderen kühlen Abend am Feuer, erwiderte Jesus die dreimalige Verleugnung des Petrus mit der dreimaligen Aufforderung, die Herde zu weiden, und schloss mit den Worten: »Folge mir nach!« (Joh 21,15–19).

Petrus hatte erfahren, welch ein Fluch die Menschenfurcht ist. Er hatte den Blick des heiligen Gottes gespürt und die tiefe Liebe der Vergebung erlebt. Er hatte seine Lektion gelernt – meinte er wohl. Doch trotz seines starken Glaubens und der Ausrüstung mit dem Heiligen Geist wurde dieser bemerkenswerte Mann noch einmal gedemütigt, weil er sich vor den Menschen fürchtete. Diesmal anlässlich einer gemeinsamen Mahlzeit mit anderen Christen.

Petrus war sich wohl bewusst, dass das Evangelium auch den Heiden galt. Nach der Vision aus Apostelgeschichte 10 verbrachte er einige Zeit mit Menschen wie Kornelius. Es scheint, als habe er sich auch später regelmäßig mit Nicht-Juden getroffen und gegessen. Doch als dann eine Gruppe jüdischer Christen, welche die Beschneidung als einen Teil des Evangeliums betrachteten, zu ihm kam, sonderte er sich von seinen Geschwistern aus den Heiden ab und hielt sich mehr an die jüdischen Bräuche als an das Gebot des Herrn.

Warum? Er hatte Angst vor den Anhängern der Beschneidung. Was war die Folge? Andere Juden, unter ihnen auch Barnabas, verfielen demselben Irrtum. Ihre Heuchelei war so schwerwiegend, dass Paulus Petrus öffentlich zur Rechenschaft zog (Gal 2,11–14).

Hat Petrus daraus gelernt? Dies ist das Letzte, was wir über Petrus hören, da Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, später mehr über das Wirken des Paulus berichtete als von Petrus. Die beiden Petrusbriefe wurden jedoch höchstwahrscheinlich nach diesem Ereignis geschrieben, und vor allem der erste lässt darauf schließen, dass Petrus' Lehre in der frühen Kirche von diesen Dingen sehr geprägt wurde:

Und wer ist's, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.

1. Petrus 3,13–15

»Fürchtet nicht Menschen; fürchtet den Herrn«, sagt Petrus. Er wusste, wie Menschenfurcht zu Fall bringen kann.


Wenn Menschen zu Abgöttern werden

Was haben Angst vor Bloßstellung und Angst vor Ablehnung gemeinsam? Um eine biblische Weisheit zusammenzufassen: Beide sind ein Hinweis darauf, dass wir am liebsten Menschen verehren. Wir erheben sie und ihre vermeintliche Macht über Gott. Wir beten sie an als solche, die uns mit ihren gottgleichen Blicken entlarven (Angst vor Bloßstellung) oder mit ihrer gottgleichen Fähigkeit mit Achtung, Liebe, Bewunderung, Anerkennung, Respekt und anderen psychologischen Wünschen »erfüllen« können (Angst vor Ablehnung).

Wenn wir an Götzen oder Abgötter denken, dann fallen uns erst einmal Baal und andere von Menschen erdachte Abgötter ein. Als Nächstes kommt uns vielleicht das Geld in den Sinn, doch nur selten denken wir Es sind vor allem Menschen ...an unseren Ehepartner, die Kinder oder einen Schulfreund. Doch es sind vor allem Menschen, die wir vergöttern. Sie gab es schon vor Baal, dem Geld oder der Macht. Wie alle Abgötter sind auch Menschen Geschöpfe und nicht der Schöpfer selbst (Röm 1,25) und haben deshalb keine Anbetung verdient. Wir beten sie an, weil wir meinen, sie hätten die Macht, uns etwas Bestimmtes zu geben. Wir meinen, sie könnten uns segnen.

Wenn wir einmal darüber nachdenken, erkennen wir, dass der Götzendienst alle Zeiten überdauert. Der Gegenstand der Anbetung mag von Zeit zu Zeit wechseln, aber die Einstellung des Herzens ist dieselbe. Was wir heute tun, unterscheidet sich nicht von dem, was die Israeliten mit ihrem goldenen Kalb trieben. Als sie Ägypten verließen, kamen sie sich sehr verletzlich und sehr bedürftig vor (und waren starrsinnig und rebellisch). Obwohl sie die Macht Gottes erlebt hatten, hatten sie Angst. Sie kamen sich machtlos vor. Dem begegneten sie, indem sie einem Götzen den Vorzug gaben gegenüber dem wahren Gott. Damit lehnten sie sich gegen ihn auf und gingen ihm gleichzeitig aus dem Weg.

Sie lehnten sich auf, weil sie mehr auf sich selbst und ihre eigenen Götter vertrauten als auf den wahren Gott. So ganz sicher konnten sie sich schließlich nicht sein, ob Gott ihre Frauen mit Fruchtbarkeit segnen würde. Und was war mit diesen anderen Göttern, die scheinbar in der Lage waren, für eine reiche Ernte zu sorgen? Es konnte wohl nicht schaden, auch sie anzubeten, für den Fall, dass Gott wirklich nicht genügte. Sie meinten, die Götzen könnten ihnen geben, was sie wollten oder zu brauchen meinten. Sie wollten einen Gott, den sie beeinflussen und im Griff haben konnten. Sie wollten niemanden über sich – nicht einmal Gott. Er, so meinten sie, würde mit ihren Wünschen nicht Schritt halten können, und deshalb suchten sie Segen und Befriedigung bei etwas, das sie beherrschen konnten. Sie wollten ihren Willen durchsetzen und nicht dem Willen Gottes folgen. Das ist der Gipfel der Rebellion.

Sie wollten Gott auch aus dem Weg gehen, indem sie anderen Göttern dienten. Das war ihnen lieber, als ihm zu vertrauen. Nie zuvor hatten sie eine solche Offenbarung der Heiligkeit gesehen wie am Sinai. Das hinterließ in ihnen ein Gefühl der Verletzlichkeit und des bloßgestellt seins. Ihnen wurde ihre eigene Schande bewusst. Um mit dieser heiligen Furcht fertig zu werden, suchte sich ihr rebellisches Herz einen Gott, der zahm war. Und das war das goldene Kalb ganz gewiss.

So ist es noch heute. In unserem Unglauben lehnen wir uns gegen Gott auf, und gleichzeitig wollen wir ihm aus dem Weg gehen.

Was geschieht, wenn Menschen vergöttert werden? Wie bei allem Götzendienst hat das Idol, das wir anbeten, bald Macht über uns. Das, was wir fürchten, kontrolliert uns. Obwohl an sich unbedeutend, nimmt unser Götze nach und nach gewaltige Formen an und regiert uns. Er sagt uns, wie wir denken, was wir fühlen und was wir tun sollen. Er sagt uns, wie wir uns anzuziehen haben, dass wir über den sDas, was wir fürchten ...chmutzigen Witz lachen und vor Angst fast vergehen sollen beim Gedanken, wir müssten vor einer größeren Gruppe aufstehen und etwas sagen. Der Schuss geht für uns nach hinten los. Nie hatten wir damit gerechnet, dass wir von den Menschen, von denen wir uns die Erfüllung unserer Wünsche erhofften, versklavt werden würden.

Sarah besuchte eines der besten Colleges des Landes und gehörte in drei Sportdisziplinen zur Spitze. Und nicht nur das: In allen drei Sportarten war sie Teamchefin ihres Jahrgangs und hatte von ihrem College gerade eine Auszeichnung als beste weibliche Sportlerin erhalten. Man sollte meinen, dass sie mit diesen Fähigkeiten und mit dieser Anerkennung über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügte. Doch sie sorgte sich bereits um das nächste Jahr. Die Erwartungen der anderen würden noch höher sein als jetzt. Wie konnte sie ihre Leistungen noch einmal steigern? »Sie hat gesagt, sie wolle als Freundin, als Sportlerin und als Studentin die beste sein«, berichtete eine gute Freundin.

Sarah wollte eine der Sportarten aufgeben, um den Stress etwas zu reduzieren, hatte aber Angst, ihre Teamkollegen zu enttäuschen. »Nein« zu sagen kam nicht in Frage. »Sie wollte es allen recht machen und konnte nicht aufhören«, stellte eine andere fest. Deshalb sah Sarah nur noch einen Ausweg. Sie griff zu einem Gewehr und schoss sich in die Brust.

Die Menschen waren zu ihrem Götzen geworden. Sie brauchte ihre Bestätigung. Sie brauchte ihre Freundschaft und meinte, sie würde ersticken, wenn sie den vermeintlichen Erwartungen nicht entsprach. Traurig, aber wahr – Sarah war zur Sklavin ihrer Abgötter geworden, und das führt meist in die Tragödie. Sarah sah keinen anderen Weg, um frei zu werden.


Zum Nachdenken

Biblisch betrachtet ...In diesen ersten beiden Kapiteln ging es darum, deutlich zu machen, dass die Menschenfurcht in uns allen steckt. Hinter dieser Furcht steckt viel mehr als bloß Angst. Biblisch betrachtet zeigt uns das, wovor wir uns fürchten, wovon wir abhängig sind. Es zeigt, worauf wir unser Vertrauen setzen. Es zeigt, wer in unserem Leben groß ist.

  1. Geben Sie mit Ihren eigenen Worten wieder, was Menschenfurcht ist.
  2. Wenn die Furcht vor Menschen wirklich so verbreitet ist, wie die Bibel behauptet, zählen Sie einmal auf, wie sie sich in Ihrem Leben äußert. Vielleicht fallen Ihnen als Erstes ein paar typische Beispiele aus Ihrer Kindheit und Jugend ein. Aber achten Sie auch darauf, dass Ihre Liste aktuell ist, mit Beispielen aus der letzten Woche.
  3. Hier sind einige Fragen, die Ihnen helfen können, die Menschenfurcht in Ihrem Leben zu entlarven:
    • Welche Gedanken oder Handlungen halten Sie vor anderen Menschen gern verborgen? Es geht hier nicht ums Anziehen, sondern um Begierden, Animositäten, bestimmte Gewohnheiten usw. Solche Dinge sind oft ein Hinweis auf Menschenfurcht.
    • Suchen Sie manchmal Fluchtwege, suchen Sie Zuflucht in Lügen, versuchen sich zu rechtfertigen, schieben anderen die Schuld zu, versuchen ein Thema zu wechseln oder einem Thema ganz aus dem Weg zu gehen? Wenn ja, dann wollen Sie vor den Menschen besser dastehen.
    • Ziehen Sie manche Menschen anderen vor? Haben Sie mehr Respekt vor Reichen als vor Armen? Vor Klugen als vor weniger Klugen? Das ist vielleicht der Ausdruck von Menschenfurcht, der am häufigsten übersehen wird. Er zeigt, dass Sie manche Menschen höher achten als andere.
  4. Mit welchen Worten würden Sie sich beschreiben?
  5. Das Buch Kraft zum Loslassen bietet ein paar nicht zu empfehlende Methoden, um sich von Menschenfurcht zu befreien. Die Beschreibung des Problems ist jedoch sehr gut. Hier ein paar Punkte. Versuchen Sie die Begriffe zu umschreiben und herauszufinden, welche »Abgötter« sich dahinter wohl verbergen. Wer co-abhängig ist:
    • fühlt sich verantwortlich für andere.
    • sieht sich gezwungen, Menschen bei der Lösung ihrer Probleme zu helfen.
    • ist es leid, sich immer nur selbst einzubringen, ohne je etwas zurückzubekommen.
    • sucht die Schuld bei anderen.
    • kommt sich ungeliebt vor.
    • fürchtet sich vor Ablehnung.
    • schämt sich für sich selbst.
    • macht sich Sorgen, ob er von den anderen gemocht wird.
    • richtet all seine Kräfte auf andere Leute und ihre Probleme.
    • droht, bettelt und fleht.
    • sagt Dinge, die den anderen gefallen, die provozieren oder mit denen er erreicht, was er will.
    • manipuliert.
    • lässt es zu, dass andere ihm weh tun, und wehrt sich nicht.
    • ist wütend.
    • kommt sich vor wie ein Märtyrer.
    • ist extrem verantwortungsbewusst oder verantwortungslos.

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